Interview zur VUCA – Führen in einer digitalen Welt

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VUCA steht als Abkürzung für vier Kernelemente der digital vernetzten Zeit, in der wir leben. Das Modell beschäftigt sich nicht nur mit den Herausforderungen dieser Zeit, es bietet auch Lösungen für die schneller werdende Veränderung, mit der wir uns täglich auseinandersetzen.

Hinter dem Begriff VUCA – Volatility, Uncertainty, Complexity und Ambiguity – verstecken sich folgende Bedeutungen:

In diesen Rahmenbedingungen sicher zu navigieren, ist vor allem für Führungskräfte eine Herausforderung. Es liegt in ihrer Verantwortung, trotz aller Unsicherheiten der digitalen Transformation die richtigen Entscheidungen für ihr Unternehmen zu treffen, Mitarbeiter mit sicheren, korrekten Informationen zu versorgen und Teams klar orientiert zu führen.

Eine solche Führung benötigt ein Verständnis der Problematik, der Herausforderung. Deshalb habe ich mich mit Kathrin zusammengesetzt, die als absoluter Fan der Digitalisierung bei uns täglich dafür zuständig ist, die digitale Welt für Menschen noch zugänglicher zu machen. Durch sie habe ich einen Einblick in Strategien bekommen, neue Betrachtungswinkel gewonnen und den ein oder anderen hilfreichen Ratschlag zum Thema „Führen in einer volatilen, unsicheren, komplexen und mehrdeutigen Welt“ erhalten.


Wir werden mit der ersten Frage gleich richtig persönlich: Warum ist der Wandel der Welt hin zur VUCA ein Herzensthema von dir?

Da gibt es viele Gründe. Meine Motivation, dieses Thema wirklich zu durchblicken, gründet wohl vor allem in meiner Neugier, den Dingen auf den Grund zu gehen und die Wirkmechanismen unserer Welt zu verstehen. Gerade findet ein riesiger Umbruch statt, wir werden täglich mit massig Informationen überschüttet, es gibt mehr Möglichkeiten als jemals zuvor – die Welt ist einfach unglaublich schnell. Da fällt es oft schwer, bei Entscheidungen noch auf die eigene Vernunft zu hören oder sich eine differenzierte Meinung zu bilden. Und genau da wird es gefährlich. So verlockend es auch ist, eine schnelle Lösung zu finden: oft bedeutet genau das, dass man die einfachste und damit instabilste Lösung wählt. Für mich ist das der falsche Weg. Meiner Meinung nach ist es wichtig, gerade jetzt – bei aller Komplexität und Geschwindigkeit – strategisch vorzugehen, trotz vieler Möglichkeiten ein glasklares Bekenntnis zu machen und sich seiner Werte und der eigenen Vision bewusst zu sein. Im Kontext Business bedeutet es aber auch, dass Führungkräfte und Mitarbeiter nicht nur persönliche, sondern auch die gemeinsame Vision ebenso wie den eigenen Platz darin kennen und vertreten. Das fordert viel, im Endeffekt ist es aber der einzige Weg, wie wir heute unsere Zukunft noch steuern und die Hoheit über Technologien erhalten können.


Wie würdest du die Auswirkungen der VUCA-Welt in deinen eigenen Worten beschreiben?

Es gibt da eine großartige Metapher, die es für mich beschreibt. Stell dir vor, du bist in New York und überquerst beim Schlendern über den Times Square eine riesige Kreuzung. Um dich herum: Hupende Taxen, Fahrradkuriere, die das Ampelsystem ignorieren, Massen an Menschen, riesige Wolkenkratzer mit bunten, blinkenden Leuchtreklamen und Slogans in sämtlichen Sprachen. Und jetzt legt sich eine dichte Nebelwand über die Kreuzung. Das Lärmen und die Bewegung um dich herum gehen weiter, aber du kannst nichts sehen, du kannst dich nicht orientieren. Es geht nicht nur dir so. Alle anderen auf der Kreuzung haben keine Ahnung davon, wohin sie fahren oder wo das nächste Hindernis liegt. Trotzdem fahren sie weiter und du bist mittendrin.

Wie fühlt sich das an?

Im Prinzip geht es genau darum. Manche laufen im Nebel blindlings drauf los, andere werden ganz starr und bewegen sich gar nicht mehr weiter.

Übertragen auf Mitarbeiter und Führungskräfte sind beide Varianten gefährlich. Mitarbeiter, die nicht in der Lage sind, eine Entscheidung zu treffen – weil sie ja falsch sein könnte – und Führungskräfte, die orientierungslos bleiben, können ein Unternehmen in der heutigen Welt enorm viel kosten. Deshalb ist es so wichtig, dass Führungskräfte und Mitarbeiter die gemeinsame Vision kennen und teilen – und ihren eigenen Platz in dieser Vision. Denn das sind im Endeffekt die Orientierungspunkte, die Scheinwerfer im Nebel.


Um das Ganze jetzt noch weiter auf die Führung zu beziehen – was macht für dich eine gute Führung in der VUCA-Welt denn aus?

Eine moderne Führung bedeutet nicht, dass bewährte Führungsstile und Tools veraltet sind und zu den Akten gelegt werden – ganz im Gegenteil spielen klassische Elemente wie persönliche Werte und Verpflichtungen eine immer größere Rolle. Es gibt etliche Situationen, die man als Beweis heranziehen könnte: Beispielsweise sind in unserer globalisierten Welt Business-Partnerschaften immer häufiger anzutreffen. Das setzt unzählige „alte“ Denk- und Handelsweisen voraus – Teamplay, Vertrauen, Vertrauenswürdigkeit, Kommunikationsbereitschaft, Reflexionsfähigkeit – um nur einige zu nennen. Für Führungskräfte agiler Strukturen wäre es also fatal, alle klassischen Tools beiseite zu legen.

Jetzt und zukünftig etablieren sich gleichzeitig weitere Tools, die neuen Herausforderungen gerecht werden und erlernt werden sollten. Eine Führungskraft muss sich nämlich insgesamt agiler dabei zeigen, je nach Situation zwischen klassischen und modernen Tools zu wählen. Das bedeutet, dass sie in der Lage sein muss, Situationen schnell einzuordnen und auf neue Sachverhalte angemessen zu reagieren. Außerdem braucht es die Bereitschaft, Pläne und Prozesse ständig zu hinterfragen und gegebenenfalls anzupassen.


Und wie sieht die agile Führung dann aus?

Das ist das geniale in der Welt der VUCA – man reagiert auf die 4 definierenden Merkmale, also Volatility, Uncertainty, Complexitiy und Ambiguity, ebenfalls mit VUCA, allerdings sieht das dann so aus:

Vision: Deine Mitarbeiter brauchen in der modernen Welt einen Leuchtturm, an dem sie sich ausrichten können. Es ist wichtig, dass bei allen tollen Unternehmensstrategien klar sein muss, dass der Zweck wichtiger als jeder noch so brillant klingende Plan ist.

Understanding: Du solltest deinen Mitarbeitern Kontext geben, damit sie verstehen können, wo das Unternehmen steht und wie sie sich selbst darin wiederfinden können. Halte als Führungskraft öfter mal inne und höre deinen Mitarbeitern als Experten ihres Bereichs zu. Durch ihren Input entsteht eine völlig neue Sichtweise, die dich Situationen besser verstehen lassen – du kannst also flexibler und besser auf sie reagieren.

Clarity: Als Führungskraft gehört es zu deinen Aufgaben, für deine Mitarbeiter komplexe Themen und Situationen so herunterzubrechen und aufzuschlüsseln, dass sie klar und beherrschbar für den Einzelnen werden. Außerdem ist es wichtig, dass Klarheit über die Spielregeln von Zusammenarbeit und Prozessen herrscht, was enorm viel Sicherheit schafft.

Agility: Da haben wir es wieder – man Agilität bedeutet im Kontext der Führung, dass man fähig ist, klar zu erkennen, welche Tools, Mechanismen und Führungsstile in einzelnen Situationen notwendig sind. Außerdem müssen Führungskräfte bereit sein, Pläne und Vorhaben zu reflektieren und sie anzupassen falls notwendig.

Am Ende ist es – wie in so vielen Bereichen des Lebens – die Kommunikation, die das Spiel entscheidet. Mein Tipp deshalb: Rede mit deinen Leuten, binde sie in Entscheidungen mit ein, frage nach ihren Sichtweisen, oder lass sie besser noch eigene Entscheidungen treffen. Und im Gegenzug: Gib ihnen den Kontext, der sie befähigt, diese Sichtweisen einzunehmen und Entscheidungen zu treffen.


Wenn du heute eine Fortbildung zu dem Thema geben würdest, was würdest du den Teilnehmern als Kernessenz des Ganzen mit auf den Weg geben?

Damit heute und in Zukunft Menschen mit Menschen und Menschen mit Maschinen zusammenarbeiten können, braucht es exzellente Führungs- und Kommunikationsfähigkeiten von jedem Einzelnen. Auch Mitarbeiter sind Führungskräfte – ihrer Themen und Tasks.

Die Aufgabe aller Beteiligten ist es deshalb, bewährte Handelsweisen dauerhaft exzellenter zu machen, indem sie sich die besten, wirkungsstärksten Elemente bewusst machen und erhalten. Gleichzeitig gehören das ständige Erlernen und Anwenden neuer Tools und Führungsstile zu unserem Alltag. Um in individuellen Situationen schnell (und agil) reagieren zu können, muss darüber hinaus die Fähigkeit, die richtigen Tools zur richtigen Zeit auszuwählen, trainiert werden.

Letzteres klappt dann, wenn ein Mensch Reflexion beherrscht. Sie ist die Grundvoraussetzung für das sichere Navigieren in unserer VUCA-Welt und kommt dann zum Einsatz, wenn Pläne geprüft, Erfolge wiederholbar und Missgeschicke einmalig gemacht werden sollen.

… und wie agil arbeitest du?

Falls du jetzt herausfinden möchtest, wie agil du selbst im Alltag arbeitest, haben wir hier ein spannendes Quiz für dich vorbereitet:

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